Nachfolge im Familienbetrieb – Wer bin ich?

Der junge Mann begrüßt mich mich mit einem festen Händedruck und schaut mir freundlich und offen ins Gesicht. Er ist schick und stilsicher gekleidet, alles an ihm deutet auf eine insgesamt sehr gute Kinderstube hin.

Im Vorgespräch, welches zu der Beratungssituation führte gibt er keine genauen Gründe an, vielmehr möchte er über seine Gesamtsituation sprechen weil er merkt, dass es ihm seit einiger Zeit „immer schlechter geht“.

Er berichtet, dass er seit einem halben Jahr ein permanentes diffuses Schwächegefühl an sich wahrnimmt. Dies äußert sich so, dass er sich zu allem antreiben muss und an nichts eine rechte Freude entwickeln kann. Außerdem plagen ihn Schwindelanfälle mit Übelkeit sowie häufige Kopfschmerzattacken mit Sehstörungen.

Im letzten Jahr hat er gleich mehrere heftige grippale Infekte sowie eine Lungenentzündung durchgemacht.

Wegen der grippalen Infekte und der Lungenentzündung konnte er sich „legitimer Weise“ in ärztliche Hände begeben, alle erforderlichen Untersuchungen und Behandlungen wurden durchgeführt, organisch gibt es keinen Befund mehr, der seine aktuellen Beschwerden erklären kann. Diese verschweigt er auch so gut es geht vor seiner Familie und seinem Bekanntenkreis, weil er nicht als „Psycho“ und „Weichei“ gelten möchte.

Mein Klient ist 26 Jahre alt. Nach eigener Angabe wuchs er privilegiert auf und war sich dessen auch immer bewusst. Der Vater führt ein erfolgreiches Familienunternehmen mit 54 Angestellten, welches vom Ur-Großvater gegründet wurde und nun bereits seit fast 90 Jahren besteht. Sogar den Krieg hat es überstanden. Die Familie ist sehr stolz auf ihre Tradition und es gibt nicht den geringsten Zweifel darüber, dass dies auch in Zukunft so bleibt und mein Klient die Geschäfte weiterführt.

Derzeit denkt man über eine Expandierung innerhalb Europas nach.

Der Sohn ist hierfür gut vorbereitet worden, er hat eine hervorragende Ausbildung genossen.

Schon als Kind hielt er sich viel im väterlichen Betrieb auf und arbeitete als Heranwachsender in seiner Freizeit mit.

Nach dem Abitur absolvierte er ein wirtschaftswissenschaftliches Studium an mehreren Eliteuniversitäten im In-und Ausland.

Alle Hoffnungen auf eine glorreiche Zukunft des Unternehmens lasten nun auf seinen Schultern, zudem ist er der ganze Stolz seines Vaters.

Christian, mein Klient, beschreibt seine Situation eigentlich als sehr komfortabel. Bereits in der Schule wurde er immer beneidet wegen der renommierten Stellung, die seine Familie in der schwäbischen Kleinstadt genießt. Die allermeisten hat er aus den Augen verloren, da sein Weg im Gegensatz zu dem der anderen zu unterschiedlich verlief.

Mit den Kommilitonen an den Unis konnte er ebenfalls keine tieferen Freundschaften schließen, da der Konkurrenzdruck sehr hoch war und ein hohes Maß an Egoismus herrschte. Dennoch gibt er an, mit seiner Gesamtsituation zufrieden zu sein, da es ihm ja schließlich an nichts mangelt und sein Auskommen mehr als gesichert ist.

Ich habe ihm aufmerksam zugehört. Nun macht er eine Pause und sieht mich an. Wir schweigen eine Weile. Die Stille scheint ihm gutzutun. Er lehnt sich erschöpft zurück und schließt die Augen.

Ich frage ihn, wie es ihm geht. Er versteht, was ich meine und nach einer Weile sagt er:

„Ich weiß es nicht. Am liebsten würde ich jetzt einfach nur hier sitzen bleiben und schweigen.“

Ich sage: „Dann tun Sie es doch einfach.“

Die Stunde ist zu Ende. Wir verabreden einen neuen Termin in bereits 2 Tagen.

Christian ist überpünktlich. Er wirkt ein wenig erschöpft, freut sich aber auf den Termin.

Er möchte wissen, wie ich ihn sehe. Das kommt etwas plötzlich für mich. Normalerweise stelle ich die Fragen. Dennoch antworte ich empathisch deskriptiv und stelle ihm dann die Frage, wie er sich selbst sieht.

Es dauert eine ganze Weile. Dann sagt er, dass er nach seiner Identität sucht. Verloren fühlt er sich und unendlich alleine. Sein ganzes Leben haben bisher andere für ihn geplant. Von Anfang an ist der Weg klar vorgegeben gewesen. Die schönste Zeit war für ihn die Studienzeit, in der er weg zu Hause mal nicht unter permanenter Beobachtung stand und eine Ahnung davon bekam, was ein selbstbestimmtes Leben ist. Seit er zurückgekehrt ist, fühlt er diese zunächst latente Beklemmung, die nun immer schlimmer wird.

Nie, sagt er, niemals jemals kann er dies seinem Vater sagen. Er ist gefangen in den Klauen des Unternehmens, des Vaters, der Tradition, der ganzen Familie. Eigentlich wollte er Jura studieren, eine eigene Kanzlei haben und Menschen zu ihrem Recht verhelfen. Er wagte einen zögerlichen Vorstoß kurz vor dem Abitur, der so dermaßen vehement und vorwurfsvoll abgeschmettert wurde, dass er das Thema nie wieder angeschnitten hat. Auch sich selbst gegenüber hat er jeder Regung sofort unterdrückt, die etwas anderes sagte als das, was für ihn vorgesehen war. Er zwingt sich, sein Leben toll zu finden und sieht sich als leuchtender Retter der Familientradition.

Noch nie hat er so deutlich ausgesprochen, wie sich sein Dilemma darstellt, noch nie hat er sich selbst erlaubt, so ehrlich mit zu sich zu sein.

Nun liegt alles vor ihm, ein ungeordneter Trümmerhaufen voller Emotionen, die ihn verwirren und erschrecken.

In 10 weiteren Sitzungen arbeiten wir uns mühsam aber stetig und zielstrebig durch den Trümmerhaufen. In dieser Zeit hat er am Anfang noch Schwindelanfälle und Kopfschmerzen, die aber aber im Verlauf des psychologischen Coachings immer seltener werden zugunsten einer neuen Geisteshaltung.

Nach 12 Sitzungen und insgesamt 3 Monaten haben wir die Zusammenarbeit zunächst beendet, da wir dies vertraglich so vereinbart hatten. Ich gebe bei Coachings immer einen festen zeitlichen Rahmen vor, das ist wichtig für die Zielerreichung und unterscheidet sich somit sehr klar und deutlich von einer Therapie.

Und wie geht es Christian?

Christian hat noch im Verlauf des Coachings das Gespräch mit seinem Großvater gesucht, den wir als Schlüsselfigur identifiziert haben. Er hat sich ihm ein Stück weit anvertraut, was sehr schwer für ihn war. Gemeinsam haben sie dann mit dem Vater gesprochen. Das war die härteste Mutprobe für ihn und es war gut, dass ich ihm hierbei Rückendeckung geben konnte.

Das Egebnis:

Christian studiert seit einem Jahr mit großem Eifer und Begeisterung Jura. Der Deal ist, dass der Vater ihn für die Zeit des Studiums freistellt und die Expandierung zunächst ohne volle Unterstützung des Sohnes vorantreibt. Auf der anderen Seite steht Christian dem Vater mit seinem Fachwissen zur Seite so gut er kann. Außerdem hat der Vater erkannt, dass eine juristische Ausbildung in jedem Fall auf lange Sicht nur Vorteile bringt. Die Gespräche zwischen Vater und Sohn sind gleichberechtigter geworden. Christian hat zwar noch viel aufzuarbeiten, aber er sieht nun einen Weg für sich.

Wir sind immer noch in Kontakt, Christian kennt diesen Text und ist ausdrücklich damit einverstanden, dass er hier abgedruckt werden darf.

Posted in: 5) Aus der Praxis

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